Glasrosen? Berghias! (Aeolidiella stephanieae)

Da ich durch meine Azoos viel Futter in meine Anlage eingebracht habe, war es nur eine Frage der Zeit, bis es eine explosionsartige Vermehrung von Glasrosen gab. Da meine Becken zu klein sind, um die üblichen Fressfeinde einzusetzen, habe ich es mit den glasrosenfressenden Schnecken Berghia probiert. Der Erfolg lies etwas auf sich warten, aber nun ist das Becken tatsächlich glasrosenfrei! Im folgenden Artikel möchte ich euch einen Weg aufzeigen, Glasrosen nachhaltig aus euren Becken zu verbannen. Es gibt viele Berichte darüber, dass Bergias nicht effizient sein sollen. Wenn man allerdings ein paar Dinge berücksichtigt, gibt es in meinen Augen keine bessere Methode zur Bekämpfung von Glasrosen ohne dass man das Risiko von Kollateralschäden eingeht.

Berghia-Zuchtbecken mit etwa 50 Jungtieren

In fast jedem Meerwasseraquarium gibt es Glasrosen. Wenn man nicht Acht gibt, können sie schnell zu einer Plage werden. Um Glasrosen zu bekämpfen gibt es eine ganze Palette von Möglichkeiten, angefangen bei natürlichen Fressfeinden wie Garnelen und Fischen bis hin zu chemischen Methoden zur Bekämpfung dieser nicht gern in unseren Riffbecken gesehenen Anemonen.

Leider haben die meisten Methoden ein Problem: Entweder sie sind nicht effizient genug und die Glasrosen sprießen nach der Anwendung schöner als zuvor, oder sie bergen ungewohnte Risiken – wie etwa ein Tangfeilenfisch, der die Glasrosen vielleicht erst gar nicht anschaut, dafür aber bereits ein paar LPS auf dem Gewissen hat.

Gerade die Methoden zur physischen Entfernung von Glasrosen bergen ein enormes Vermehrungspotential. Wird eine Glasrose beschädigt, entlässt sie eine Art Sporen. Dann ist man auf den ersten Blick zwar mit dem Ergebnis der mühsamen Arbeit des Abschrubbens zufrieden, nach ein paar Wochen aber, sprießen kleine Glasrosen aus allen möglichen kleinen Ritzen. Und auch aus kleinsten Gewebsfetzen können sich neue Tiere entwickeln. Wenn man Glasrosen gezielt vermehren möchte, gebe man ein paar Tiere in einen Mixer und den Brei in ein frisch angesetztes Meerwasseraquarium. Voila. Auch das Wegspritzen mit Zitronensäure oder ähnlichen im Handel erwerbbaren Mitteln kann den gleichen Effekt auslösen.

Natürliche Fressfeine sind da meist besser. Sie vertilgen die bereits vorhandenen Glasrosen. Und auch, wenn später eine Generation nachwachsen sollte, nehmen sie ihre Arbeit wieder auf. Allerdings die bergen die meisten Fressfeine ein Risiko. Sie fressen zwar Glasrosen, aber sie nehmen auch gerne andere Kost zu sich. So kann es vorkommen, dass der Chlemon zwar zunächst brav alle Glasrosen vertilgt, sich dann aber den Muscheln oder LPS zuwendet und diese nach und nach dezimiert. Einige Fische gehen erst gar nicht an die Glasrosen und vernichten sofort die Korallen.
In meinem Fall gilt das Gleiche für Garnelen. In meinem Becken stehen einige azooxantelle LPS wie Tubastreas oder Balanophyllias. Wenn diese gefüttert wurden, war es die größte Freude der Garnelen, das Futter aus den Korallen zu puhlen. Egal ob diese bereits geschlossen waren. Das hat so eine Koralle natürlich gar nicht gern. Ein Fridmani kam übrigens auch einmal auf die Idee, einer Symphyllia ein Stück Futter zu klauen. Ein teures Vergnügen. Sie hat den Fridmani gefressen.

Bei Nano-Aquarien kommt hinzu, dass diese zu klein sind, um Fressfeine einzusetzen. Fische fallen da von vorne herein raus und Garnelen sind erst richtig effizient, wenn sie in einem Trupp von mindestens vier Tieren anrücken. Damit sind sie in einem 30l-Nano auch fehl am Platz.

Nachdem ich jetzt so sehr über die üblichen Methoden zur Bekämpfung von Glasrosen in Riffaquarien hergezogen bin, möchte ich die Lösung natürlich nicht für mich behalten: Berghias! Okay, das kam jetzt wenig überraschend.

Berghia ist übrigens der „alte“ Name, nach einer Revision heißen sie nun Aeolidiella stephanieae und sind Nacktschnecken. Sie werden bis zu 3cm groß, leben ein bis zwei Jahre und sind äußerst fruchtbar. Wie die meisten Nacktschnecken unserer Meere sind auch sie absolute Nachrungsspezialisten. Was also bei so ziemlich allen anderen Nacktschnecken die Aquariumhaltung unmöglich macht, ist bei Berghias ein willkommener Vorteil. Damit fällt nämlich das Restrisiko weg, das so ziemlich alle anderen Fressfeinde bergen. Sie gehen nur an Glasrosen und an nichts anderes! Zudem sind sie gesellig, jagen am liebsten im Rudel und sind sehr gefräßig.

Wenn man Erfahrungsberichte über den Einsatz von Berghis zur Bekämpfung von Glasrosen liest, sind es meist missglückte Versuche. Das liegt oft daran, dass sich viele Aquarianer keine Gedanken darüber machen, mit was für Tieren sie da gerade umgehen. Berghias haben zwar wenige Fressfeinde, da sie die Nesselzellen der Glasrosen in ihren Rückenlappen einlagern, allerdings sind Nacktschnecken zarte Wesen, die es nicht unbedingt überleben, wenn ein neugieriger Fisch einmal beherzt zubeißt um die Schnecke danach wieder auszuspucken. Nicht umsonst sind die Schnecken nachtaktiv, denn so entgehen sie Fressfeinden oder allzu neugierigen Fischen.

Damit kommen wir zum zweiten Missverständnis. Man liest auch immer wieder, dass Schnecken ins Becken gegeben worden sind, die danach nie wieder gesehen wurden. Bei gut strukturierten Becken und nachtaktiven Tieren ist das auch kein Wunder. Wenn man sich nachts mit der Taschenlampe vor sein Becken setzt, wird man mit großer Wahrscheinlichkeit wieder die eine oder andere Schnecke entdecken.

Nun genug gelästert, jetzt zum Konstruktiven Part:

Toms Guideline zum erfolgreichen Einsatz von Berghias zur Bekämpfung von Glasrosen

Grundsätzlich würde ich zwei Einsatzszenarien unterscheiden:

  1. kleines Becken ohne Fressfeinde
  2. großes Becken mit potentiellen Fressfeinden

Im ersten Szenario sind die Schnecken absolute Top Performer. Hier kann man bei einer Beckengröße von 50-100l einfach 3-5 adulte Tiere (ab etwa 1,5cm) einsetzen und der Natur ihren Lauf lassen. Wichtig ist, dabei darauf zu achten, dass die Tiere schonend eingesetzt werden. Dazu sollte man die Schnecken im Transportbehälter akklimatisieren und dann den Behälter im Becken an der mit Glasrosen bewachsenen Stelle platzieren. Ich verwende hierfür Urinprobenbecker. Die sind schön klein und stabil. So können die Tiere langsam und als Gruppe aus dem Becher kriechen und nah beim Futter in Deckung gehen.

Das zweite Szenario ist etwas komplizierter. Hier ist relativ klar, dass Schnecken gefressen werden. Bei einem Stückpreis von 10-20€ ist das durchaus ärgerlich. Würde man einfach fünf Tiere in ein 500l-Becken mit Garnelen und Lippfischen geben, könnte man ebenso gut das Geld für die Schnecken sparen und mit seinem Partner schön essen gehen.

Um in so einem Becken einen sichtbaren und nachhaltigen Erfolg zu erreichen, bedarf es etwa 20-30 Berghias. Dabei ist es aber relativ egal, wie groß die Tiere sind. Schon ab der Größe weniger Millimeter haben die Schnecken einen beachtlichen Appetit und wachsen sehr schnell.

Der Trick liegt darin, sich ein paar Generationen der Schnecken nach zu ziehen. Das ist gar nicht so kompliziert, wie etwa die Nachzucht der meisten anderen Meeresbewohner. Man braucht nur ein paar Dinge: Einen Laichkasten, ein paar Kunststoffbecher, Glasrosen und Geduld.

Zunächst erntet man ein paar Glasrosen, um die Elterntiere bei Laune zu halten. Die Glasrosen sollte man in einem Laichkasten für Zierfische im Aquarium aufbewahren. Optimal ist es, wenn man sie füttert, damit sie schön nahrhaft werden.

Die größeren Berghias kann man ebenfalls in einem Brutkasten aufbewahren. Es funktioniert aber auch die Schnecken in einem kleinen Aquarium zu Hältern. Hierzu ist keine große Technik notwendig, ein Luftheber reicht aus. Werden sie gut gefüttert, laichen sie etwa alle zwei bis drei Tage. Der Laich hat eine spiralartige Form und wird meist an Schieben oder glatten Stellen abgelegt. Diesen kann man nun mit einem Spatel oder einem Messer von der Oberfläche lösen und in ein Schlupfgefäß geben. Bei mir hat es sich als optimal herausgestellt, zwei bis drei Gelege in einen 200ml-Party-Becher zu geben. Dieser wird etwa zu zweidrittel mit Beckenwasser gefüllt und abgedeckt. Eine optimale Schlupfrate erreicht man, wenn man das Wasser vorsichtig mit einem Schlauch belüftet (ca. 1 Blase pro Sekunde). Es funktioniert aber auch ohne Belüftung. Die Becher mit Gelegen sollte man schattig und bei Raumtemperatur lagern. So vermeidet man das Verpilzen der Gelege oder das Wachstum von Algen oder Cyanos. Zum Schlupf animiert man die Schnecken, wenn man nach etwa 5-7 Tagen nach der Entnahme Teile einer zerschnittenen Glasrose in den Becher gibt. Ich habe übrigens nie das Wasser in den Bechern gewechselt. Die Larven haben eine phlegmatische Phase, in der man sie bei einem Wasserwechsel nur aus dem Becher spülen würde. Die ersten drei bis vier Wochen wird man im Becher nichts sehen, außer, dass die Glasrosen-Stücke auf wundersame Art und Weise verschwinden. Irgendwann wird dann um die Glasrosenstücke ein leichter brauner, körniger Belag sichtbar. Das sind unzählige kleine Schnecken. Bei guten Schlupfraten habe ich hier bis zu 50 Tiere feststellen können. Bis zur adulten Größe schaffen es aber meist nur ein Drittel oder die Hälfte.

Links: Schlupfbecher mit 1-2mm großen Tieren, Mitte: Adulte Berghias und Gelege, Rechts: Semiadulte Berghias im Zuchtbecken

Wenn die Schnecken eine Größe von 1-2mm erreicht haben, ist es an der Zeit sie ins Becken zu setzen.  Hier geht man am besten wie oben beschrieben vor: Man platziert den Nachzuchtbehälter direkt an einer befallenen Stelle. Die kleinen Schnecken haben einen enormen Appetit und das warme Milieu im Aquarium beschleunigt ihren Stoffwechsel. Binnen zwei Wochen kann eine 1mm große Schnecke auf eine Größe von 1,5cm heranwachsen. Dafür braucht sie natürlich entsprechen viel Nahrung. Durch das Einbringen einer Vielzahl von kleinen Schnecken ist es nicht so schlimm, wenn einige Exemplare gefressen werden. Mit etwas Glück etabliert sich eine Population, die die Glasrosen vertilgt. Ansonsten widerholt man das Aussetzen von Nachzuchten so lange, bis die Glasrosenplage vorüber ist.

In meinem Ablegerbecken hatte ich grob geschätzt 150 Glasrosen. Da ich nach ersten Versuchen des direkten Einsetzens von Berghias keinen Erfolg sah, war ich der Meinung, dass die Tiere in die Strömungspumpe geraten sein müssten.  Dann sind zwei für zwei Wochen on

So kann man mit vier gekauften Elterntieren in etwa drei bis vier Monaten ein größeres Aquarium sehr schonend und nachhaltig von Glasrosen befreien. Zwar ist der Aufwand die investierte Zeit hier etwas größer, als bei dem Einsatz anderer Fressfeinde, doch ist die Methode unterm Strich günstiger und birgt weniger Risiko als ein Fisch, der neben den Glasrosen eine Reihe von anderen Korallen als willkommenes Futter ansieht. 

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